Audio-Slideshow vs. Video: Worum es gehen sollte

Ich bin verwirrt. Seit Sonntag diskutieren Foto- und Videografen (Fabian Mohr, Steffen Leidel, Fiete Stegers, Markus Hündgen, Fabian Schweyher, im Netz, ob Audio-Slideshows gegen Videos als Darstellungsform verloren haben. Und wieder einmal wird die Diskussion dominiert von technischen Details. Das Programm Soundslides, das häufig als das Programm für Bild-Ton-Strecken bezeichnet wird, ist deutlich limitiert. So kann es keine Tonspuren nachträglich bearbeiten, es kann auch keine Videosequenzen einfügen. Video, also Bewegtbild sei konkreter, authentischer, plastischer. Außerdem sei die Bildqualität dank kostengünstiger HD-Maschinchen wie etwa der Flip und der Kodak mittlerweile extrem scharf. Was mir in dieser Diskussion fehlt, ist die inhaltliche Komponente.

Eines vorneweg: Es braucht Zeit, gute Fotos anzufertigen. Es braucht Zeit, um gute Töne einzufangen. Es braucht Zeit, gutes Videomaterial zu produzieren. Und ja, schlechtere Fotos fallen in einer Bild-Ton-Strecke schneller auf, weil sie als ruhiges Bild länger betrachtet werden als ein flüchtiger Videomoment. Genau in dieser Ruhe des Bildes liegt seine potentielle Schwäche, aber auch seine herausragende Stärke. Denn das einzelne Bild, das als Teil für das Ganze steht, vermag es, in meinem Kopf, einen Film in Gang zu setzen, den eine Videosequenz durch ihre eigene Dynamik nicht zulässt. So meine These.

Mag sein, dass Bild-Ton-Strecken eine journalistische Nische darstellen. Aber das stellen aufwendige journalistische Stücke doch immer dar. Als in den Magazinen der Platz für lange Fotostrecken immer kleiner wurde, verkündeten viele Journalisten, die Fotoreportage sei dem Tode geweiht. Heute sehen wir in den Magazinen immer weniger dieser qualitativ hochwertigen Strecken. Diese kosten nämlich Zeit und Geld. Und beides haben viele Redaktionen nicht mehr. Keine Zeit, kein Geld und dann auch noch eine Nische. Dürfen das Gründe für Fotografen sein, nicht mehr lang an einem Projekt zu arbeiten?Dürfen das Gründe für Autoren sein, nicht mehr lang an einer Reportage zu schreiben? Dürfen das Gründe für einen Videografen sein, nicht weiter nach der besseren Sequenz und Anordnung zu suchen? Auf keinen Fall! Natürlich müssen wir alle von dem, was wir produzieren leben. Aber wir finden für die Dinge, die wir lieben, die uns am Herzen lieben, doch auch sonst Zeit, auch wenn uns niemand dafür bezahlt. Manche von uns schreiben nachts Kurzgeschichten, manch einer ist auf der Suche nach dem perfekten Räucherstäbchen und durchforstet dafür nächtelang japanische Websites, manch einer weiß alles über Orchideen, weil er alles liest, was zu diesen Pflanzen einmal geschrieben wurde.

Ich behaupte, guter Journalismus – also zeitlich wie finanziell aufwendiger –, egal welche Gattung, war schon immer eine Nische (bis auf wenige prominente Ausnahmen). Daher darf es nicht um Technik oder Vermarktung gehen. Wenn Soundslides nicht kann, was der Fotograf braucht, um seine Geschichte adäquat zu erzählen, muss er ein anderes Werkzeug finden. Wenn dieses dann Final Cut Pro heißt, dann ist das eben so. Wir müssen uns vielmehr über Erzählformen unterhalten. Welche Form passt am besten zu welcher Geschichte? Nicht immer ist die Bild-Ton-Strecke das beste Mittel, nicht immer ist es Video. Manchmal passt beides nicht. Dann vielleicht nur ein Text. Oder nur ein Audiostück. Oder nur Fotos. Sehr lesenswert finde ich in diesem Zusammenhang den Aufsatz von Matthias Eberl über die Unterschiede zwischen Audio-Slideshow und Film.

Für mich sind manchmal Videos tatsächlich zu konkret. Sie blockieren meine Imagination. Dann aber gibt es auch immer wieder Videos, die mich inspirieren, dass ich sofort mit Drehen anfangen möchte. Oft finde ich Bild-Ton-Strecken stärker, eben weil die Fotos mich “zwingen”, mich auf das jeweilige Bild zu konzentrieren. Außerdem ist die assoziative Komposition von Bild und Ton hier ein Stilmittel, das ich leider zu selten in Videos finde. Ich kann mich in einer Audio-Slideshow besser als im Video umschauen. Außer natürlich, der Fotograf will mir mit Ken Burns Bewegung vorgaukeln, wo auf den ersten Blick keine zu sein scheint. Wenn aber der Ken-Burns-Effekt in der Effektschublade bleibt, können die Bilder umso stärker werden. Ken Burns hat zu Fotos übrigens auch Spannendes zu sagen. Hier sei die Arbeit von Nicole Strasser über Benidorm beispielhaft erwähnt.

Lasst uns auf das fokussieren, was wirklich wichtig ist. Und das ist nicht die Kamera oder das Aufnahmegerät oder das Objektiv oder das Programm oder der Codec oder was auch immer. Was wirklich wichtig ist, ist die Geschichte. Und unser Interesse daran. Wir haben alle Freiheiten, Geschichten zu erzählen. Wir müssen es nur tun.

11 Kommentare

  1. Weder die inhaltliche noch die technische Diskussion kommen am Thema “Geld” vorbei. Ganz ehrlich: In Zeiten, in denen Redaktionen jeden Euro xmal umdrehen und selbst für vermarktete Webvideos kaum Geld übrig ist, erscheint mir das Hinterherweinen bei Audio-Slideshows doch etwas müßig.

    Um es auf den Punkt zu bringen:
    Die Abrufzahlen waren niemals in hohen Höhen, kein einziger Vermarkter, keine Agentur hat auch nur überlegt, wie sie dieses Format ver-werben können.

    Von daher: Tolles Nischen-Stilmittel, dass beim Sprung in den Mainstream leider ertrunken ist.

  2. Marcus sagt:

    “Wir müssen es nur tun” – Jawohl. Sehe in der ganzen Diskussion eine klassische Phase der Reflexion nach den ersten Gehversuchen. Gerade im deutschen Sprachraum muss dann ja zunächst über die Vor- und Nachteile debattiert werden, es müssen Manifeste geschrieben werden und es muss sehr viel kritisiert werden. Das ist ja nicht schlimm. Und doch gilt: Action speaks louder than words. Hier wäre mehr Experimentierfreude vor allem auf Seiten klassischer Anbieter, mehr technisches Know-How (das gibt es im Internet)und mehr Mut sicherlich sehr hilfreich.

    Bedauerlicherweise erfahren bei all der Diskussion großartige Produkte wie Folge-Mag.com dann trotzdem nicht die Aufmerksamkeit, Resonanz und dann auch – die finanziellen Mittel die notwendig wären.

    Und das Interesse generell? Ist das da? Oder ist das eine abgehobene Nischendebatte? Wollen die Menschen diese Produkte? Wann und wie? Und: Warum gibt es The Big Picture immer noch nicht in gut in Deutschland?

    Nach der Phase der Reflexion jetzt dann bald eine Phase von noch mehr und (noch) besseren Produkten? Ich persönlich war ziemlich geflasht als ein Kursteilnehmer aus Bangladesh ohne Erfahrung das hier produziert hat: http://training.dw-world.de/ausbildung/blogs/bonn2009/?p=213

  3. “Warum sollte das Stilmittel in den Mainstream springen, wenn das seinen Tod (aus finanzieller Sicht) bedeutet?” http://twitter.com/Kirchberg/status/7751235226

    Genau darum geht es doch: In der Nische wird es weiter existieren. Jeder Versuch, Audio-Slideshows zu institutionalisieren, de facto eine Reichweite/Kennzahl vorauszusetzen, hat nicht funktioniert.

    Von daher: Ertrunken war vielleicht zu harsch. Sagen wir es so: Es wird weiterhin im Kinderschwimmbecken Spaß haben. Was nichts Verwerfliches ist :)

  4. @Marcus: Interessanter Gedanke – wieviel “Buzz” braucht ein journalistisches Stilmittel, um die kritische Masse zu erreichen. Oder ist es nicht eher so: “Social Media finds you”.

  5. [...] Markus Kirchberg (HAZ): “Guter Journalismus, egal welche Gattung, war schon immer eine Nische (…). Daher darf es nicht um Technik oder Vermarktung gehen.” [...]

  6. Marcus sagt:

    @Markus Da kann Social Media aber lange suchen bevor es meine Eltern auf dem Wohnzimmer-Sofa findet

  7. Fabian Mohr sagt:

    Guten Abend,

    Vorbemerkung: Was ich am Feedback auf meinen Artikel bei ISO 800 mehr und mehr merke – es war vielleicht nicht ganz optimal, in einem Rutsch die Themen Soundlides bzw. Video als Plattform und Audioslideshow als Format zu behandeln. Die Diskussion wird dadurch nicht wirklich übersichtlicher.

    Die relevante Frage, da stimme ich völlig zu, sollte die nach dem Format, nach dem Inhalt sein. Funktionieren Audioslideshows (egal ob via Soundslides, Video oder wie auch immer ausgeliefert)? Funktioniert es, sich auf Fotos zu beschränken, sie in einer Sequenz zu präsentieren und eine Tonspur dazu abzuspielen? Klar, es funktioniert manchmal sogar exzellent. Meistens, und hier werde ich jetzt subjektiv, funktioniert es aber nicht so richtig gut. Jedenfalls nicht erkennbar besser als bei Videos, die sich an ähnlichen Themen versuchen. Mein Punkt ist aber noch ein anderer: Ich erwarte bei reinen Audioslideshows offen gesagt keine signifikanten kreativen Fortschritte mehr. Wir haben einige wunderbare Beispiele gesehen, und viele, die vielleicht nicht ganz so prickelnd waren. C’est ca. Bei Video genügt mir eine halbe Stunde auf Vimeo, und ich weiß, dass da noch was zuckt, dass Video noch lange nicht fertig ist. Mit Video meine ich – reines Bewegtbild oder Kombinationen von Bewegtbild und Fotografie.

    Einen Satz von dir würde ich relativieren wollen: “Wir haben alle Freiheiten, Geschichten zu erzählen”. Das stimmt solange, wie ich mir keine großen Gedanken um ökonomische Neben- oder Nichtwirkungen von Formatentscheidungen machen muss, solange ich bspw. nur meine eigene, private Seite bespiele oder in einem Umfeld publiziere, wo man sich Multimedia noch “gönnt” (was nichts Verbotenes ist). Bewege ich mich bspw. in einer vorwiegend werbefinanzierten Onlineredaktion, gehört es aber dazu, die verschiedenen Optionen für visuelles Storytelling auch einmal nüchtern gegeneinander zu halten, vernünftigerweise konzentriert man sich auf die erfolgversprechendste (damit ist nicht nur Reichweite gemeint, auch kreatives Potenzial).

  8. Dirk Kirchberg sagt:

    Hallo Fabian,

    ich gebe Dir recht: Bild-Ton-Strecken sind, was das innovative Potential angeht, höchstwahrscheinlich ausgereizt. Im Falle von Video geht sicherlich noch viel mehr. Stimmt,da zuckt und kribbelt es.

    Ich gebe Dir auch recht, dass man über den Rahmen der Veröffentlichung nachdenken muss. Könnte man Erfolg planen, würden es die Medienkonzerne ja tun. Das Gegenteil ist der Fall, weil sie Angst vorm Scheitern haben. Wer Angst hat, kann nichts gewinnen.

    Es geht mir nicht um kopfloses Investieren aus Spaß an der Freude. Mir fehlt aber die Leidenschaft, die Experimentierfreudigkeit, der nötige Mut, aus dem etwas Überraschendes, Neues entstehen kann. Eine Reise macht doch meist dann erst richtig Spaß, wenn man nicht weiß, wo man ankommt.

  9. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Dirk Kirchberg und Markus Huendgen, FreeLens e.V. erwähnt. FreeLens e.V. sagte: WIe seht Ihr das? RT @Kirchberg: Audio-Slideshows vs. Video: Mein Diskussionsbeitrag. http://j.mp/4zbJC8 #fotografie #video #journalismus [...]

  10. [...] Dirk Kirchberg: Audio-Slideshow vs. Video – Worum es gehen sollte [...]

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