Videocamp 2009: Film ab!

Am vergangenen Wochenende hat in Essen das erste Videocamp stattgefunden. Die Masterminds hinter dem Themenbarcamp sind Markus Hündgen aka Videopunk und Stefan Evertz aka hirnrinde, die eine tolle Veranstaltung im Unperfekthaus organisierten. Dafür schon mal vorab vielen Dank.

Zwei Tage lang drehte sich alles um Webvideo und TV, um Konzeption, Produktion und Distribution, um Ästhetik und Stil. Einen sehr spannenden Vortrag hielt Bertram Gugel, der wahrscheinlich jeden Witz auf dieser Welt über seinem Namen schon gehört hat. Bertram hat bereits 2008 auf republica einen Vortrag über die Wirkung und Verteilung von Webvideos gehalten, der mich schwer beeindruckte. Und auch dieses Mal hatte er Zahlen und Fakten parat, die es in sich haben.
So schätzt Bertram, dass heute rund 10 Prozent des YouTube-Materials bereits HD-Material sind. Auch sollten wir uns klarmachen, dass mit der Postproduktion nicht alles getan ist, sondern dass die Arbeit dann nochmals richtig anfängt.
Abseits der optimalen Verteilung ging es in einer zentralen Diskussion um den Unterschied zwischen Web und TV. Denn viele – auch ich – behaupten, dass es einen eklatanten Unterschied gibt. Allein schon, was die Subjektivität des Berichtenden angeht. Im TV gibt es nur eine kleine Sparte für subjektive Filme. Das Web dagegen schätzt besonders das subjektive Stück. Außerdem kann ich als VJ abseits etablierter Marken machen, was ich will. Das Netz lässt mir Dinge durchgehen, die kein Redakteur im TV abnehmen würde. Das Bild kann wackeln und schlecht belichtet sein, der Ton kann platt sein – solange der Inhalt spannend und originell genug ist, werden mir all diese Unzulänglichkeiten verziehen. Ich plädiere hier nicht für ruckelige und schlecht belichtete Bilder, keineswegs. Aber wenn es in einem Moment eben nicht anders geht, dann ist ruckelig und schlecht belichtet auch okay.

Gerade kleine, günstige Kameras wie etwa die Flip Mino HD bzw Ultra HD– von denen Stefan Oßwald 40 Stück zum Testen bereithielt – und die Kodak Zi8 erlauben es uns, überall “schnell und dreckig” kleine Videos zu drehen. Ab damit ins Netz, und der Nutzer entscheidet, was er sehen will und was nicht. YouTube Insight und Co. liefern uns die Fakten, die wir wissen müssen: Wie viele Nutzer haben das Video geschaut, wo sind sie ausgestiegen, wo vielleicht wieder eingestiegen.

Die Web-vs-TV-Debatte wurde geleitet von Oliver Markert, der bei Focus Online in der Video-Redaktion arbeitet. Oliver, der Fotografie studiert hat, vertritt die Meinung, dass es keinen Unterschied gibt. Und wie es zu erwarten war, gab es zahlreiche VJs, die ihm widersprachen. Letztlich haben wir keine Antwort gefunden. Für mich ist es weniger eine Frage von schlüssigen Argumenten denn eine Frage eines Bauchgefühls, das mir sagt, dass es Unterschiede gibt. Was nicht heißen soll, dass es nicht TV-Formate gibt, die nicht bestens im Netz funktionieren und vice versa.
Ein weiterer Teilnehmer dieser sich über mehrere Sessions erstreckenden Diskussion war Jens Best. Jens, einer der Initiatoren des Twatorts – in Hannover schreibt ein durchgeknallter Onliner schon etwas länger an einem Drehbuch… – plädierte für eine bessere, multimediale Ausbildung von Journalisten. Die Idee des Twatorts zeigt, wie das Netz Zusammenarbeit verändert. Es werden Webvideos entstehen, die von Tatort-Fans konzipiert und produziert werden. Eine Idee greift um sich, und jeder hat die Freiheit, damit etwas Eigenes zu machen. Auch Journalisten sollten in Erwägung ziehen, über das Netz an Themen zusammenzuarbeiten, vielleicht schon während der Recherche transparent zu kommunizieren und Nutzer in die Arbeit miteinzubeziehen. Der Guardian hat mit der Veröffentlichung von tausenden Dokumenten, die dann Nutzer auf Hinweise durchsuchten, beim britischen Spesenskandal bewiesen, dass solche Ansätze funktionieren.
Eine weitere Session, die ich überaus anregend fand, leitete Sabine Streich, die als Videojournalistin fürs Fernsehen, aber auch für das Web arbeitet. Sie unterhält auch die Website VJ-Akademie, auf der sich Neulinge, Amateure und Profis austauschen können. Sie zeigte Dokumentarfilme, die allesamt mehr Platz im TV bekommen sollten. Aber leider landen viele dieser hochklassigen Dokus im Spät- bzw. Nachtprogramm. Eine Schande, wie ich finde, denn ich glaube, wir alle lechzen nach guten Inhalten, die uns anrühren, die uns motivieren, die Dinge, so wie sie sind, nicht zu akzeptieren, und / oder über Sachverhalte neu nachzudenken.
Derzeit wird anscheinend in vielen Redaktionen diskutiert, wie es mit Video weitergeht. So auch bei ZEIT Online. Adrian Pohr, der in ZEIT-Online-Video-Ressort arbeitet, stand mir dankenswerterweise Rede und Antwort. Bei Zeit Online wird, wie man mir via Twitter mitteilte, gerade die Video-Übersicht komplett überarbeitet. Ich bin gespannt, wie am Ende das Resultat aussehen wird. Auch bin ich gespannt, wie sich die Sparte Webvideo insgesamt in deutschen Redaktionen entwickeln wird. Letztlich ist es eine Frage der Überzeugung und der Finanzierung. Ein Geschäftsmodell, wie man mit Web und speziell mit Webvideo Geld verdienen kann, scheint bisher keine Redaktion gefunden zu haben.
Mehr Flips bei der ZEIT – auch die WAZ hat ja eine Menge Flips angeschafft. Es werden sicherlich mehr Redaktionen folgen. Schließlich stellt das technische Verständnis, das für diese Kameras notwendig ist, eine klitzekleine Hürde dar, die Videoneulinge nach nur ein bis zwei Tagen problemlos überspringen und dann brauchbare Schnipsel drehen können.

Auch iFranz aka Alexander Franz Köllner war auf dem Videocamp zugegen. Alexander testet derzeit viele Kameramodelle und Mikrofone. Er hielt zwei Sessions, von denen ich leider keine besucht habe. Aber ich konnte ihn, der sonst viel hinter der Kamera steht, überreden, für mich mal kurz vor die selbige zu treten.
Tja, welches Fazit habe ich vom Videocamp mitgenommen? Es gibt – so habe ich für mich entschieden – Unterschiede zwischen TV und Web. Und statt vieles bis zum Erbrechen zu diskutieren, sollten wir einfach filmen, drehen, interviewen, dokumentieren. Das Web erlaubt uns, Themen, die nur eine kleine Zielgruppe interessiert, zu thematisieren. Das geht im TV oft nicht. Da müssen Inhalte oftmals massenkompatibel sein. Ernest Hemingway hat mal gesagt: “The shortest answer is doing the thing.” Ich denke, er hat völlig Recht. Wir sollten einfach machen. Viele Webvordenker sagen, dass wir, was die Entwicklung des Internets als Medium angeht, immer noch in den Kinderschuhen stecken. Wir sollen bisher nur eine vage Ahnung davon haben, wie grundlegend dieses Webdings uns und die Art, wie wir Dinge wahrnehmen, verändern wird.

Das Bild der Videopunkschen Boxbirne möge mir Markus verzeihen. Aber wer anders als andere vorgeht, muss eben hin und wieder einen Schwinger einstecken. Jeder Onliner und jeder Videopunk kennt das. Nur damit das klar ist: Wir alle wissen nicht, was sich letztlich durchsetzen wird, und welche Medienformen einen Aufschwung erfahren werden. Aber wir alle haben die Chance, eine Medienrevolution aktiv mitzugestalten und mitzubestimmen. Jede Idee, und mag sie noch so abwegig erscheinen, könnte der nächste wichtige Schritt sein. Twitter befriedigte ein Bedürfnis. Die Idee war so einfach wie genial. Was ich sagen will: Lasst uns loslegen.

nette Zusammenfassung mit den ganzen Videos
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Dirk Kirchberg, Dirk Kirchberg erwähnt. Dirk Kirchberg sagte: @videopunk @stefanosswald @hirnrinde @nerotunes @videocamp_de @flipvideo_de Mein Bericht vom #Videocamp http://j.mp/5898E6 [...]
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This post was mentioned on Twitter by Kirchberg: Mein Bericht vom #Videocamp mit Interviews w/ @jensbest, @deradrian, @omarkert, @ifranz, @vjqueen, @digitalerfilm http://j.mp/5898E6…
[...] es eine Aufzeichnung des Livestream die ich mir anschauen konnte und einen Blogbeitrag mit ein paar Statements gibt es ja auch, sowie das Video von [...]