Hannover sagt Adieu

Eigentlich wollte ich mit viel Furor die Autoren eines geschmacklosen Kommentars und eines unsäglichen Artikels zur Trauerfeier für Robert Enke verbal umgrätschen. Aber viel lieber verweise ich auf einen wunderbaren Text sowie einen weiteren Artikel von Volker Wiedersheim und den lesenswerten Text von Simon Benne.
Ich fand die Trauerfeier würdevoll und nicht übertrieben. Den Sarg von Robert Enke in den Mittelkreis zu stellen, war mir auch nicht zu pathosbeladen, sondern angemessen. Denn viele, so auch ich, verstanden erst bei diesem Anblick, dass die Nummer 1 von Hannover 96 “nie wieder in dieses Stadion kommen” würde, wie Martin Kind in seiner Trauerrede sagte. Viele Fans, die man sonst sicherlich nur in Trikot und in mit Stickern übersäten Kutten sieht, traf ich in schwarzen Anzügen auf der Tribüne sitzend an.
Im Stadion fand keine Heldenverehrung statt, hier wurde nicht “Trauerhype” betrieben, sondern hier wurde ein Mensch und Sportler beweint. Eine Stadt, eine Region wollte der Witwe ihr Beileid aussprechen, aber auch ihre Unterstützung zusagen. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff sprach den Anwesenden aus der Seele: “Sie wissen, nicht nur in diesen schweren Stunden sind wir bei Ihnen und Ihren Angehörigen. Sie können sich auf uns alle in den nächsten Jahrzehnten verlassen.” Und Stephan Weil sprach aus, was der Applaus vermitteln sollte: “Robert Enke wird in den Herzen Tausender von Menschen in unserer Stadt und weit darüber hinaus bleiben. Hannover wird Robert Enke nicht vergessen.”
Auf der Pressetribüne gingen viele Kollegen nachdenklich ihrer Arbeit nach. Eine Journalistin, die schräg vor mir saß, weinte, hatte rot geränderte Augen, atmete immer wieder tief durch, um sich dann mit einem ihrer beiden Mobiltelefone vermutlich mit ihrer Redaktion abzustimmen. Meine Blicke blieben immer wieder an den schwarzen Banden hängen, auf denen Der Name “Robert Enke” sowie sein Geburts- und sein Sterbedatum standen. Und obwohl es dort weiß auf schwarz stand, wollte mein Kopf nicht begreifen.
Als Robert Enkes Sarg von seinen Mannschaftskollegen vom Rasen getragen wurde, applaudierte das Publikum die Trauergemeinde, weil sie auch der Mannschaft, die gerade ihren Kapitän auf seine letzte Reise verabschiedet hatte, ihrer Anteilnahme und ihrer Unterstützung versichern wollte. Auch vor dem Stadion verweilten die Menschen und erinnerten sich an Robert Enke.

Vor dem Stadion versuchten ganze zwei fliegende Händler, T-Shirts mit Enke-Konterfei zu verhökern. Doch der eine Händler musste seine Beine und seinen Karton mit T-Shirts in die Hände nehmen, weil ihm Fans sehr deutlich gesagt hatten, was sie von seinem Angebot hielten. Der andere Händler verkaufte weit entfernt vom Stadion Schals und Shirts. Und auch wenn zahlreiche Menschen zugegriffen haben, so war die Ablehnung des schäbigen Angebots größer als die Nachfrage.

Im Stadion gab es wie bei jedem Leichenschmaus Zuckerkuchen und Kaffee. Doch mir war in diesem Moment nach etwas anderem. Ich wollte einige der Momente in die Gegenwart retten, die in der Vergangenheit zu meinen Wochenenden gehörten, als ich mit meinem Freund Claudio regelmäßig ins Stadion ging, wir nebeneinander auf der Nordtribüne saßen und die vergangene Woche wegschwiegen, während unten auf dem Feld Robert Enke nie aufgab.
An diesem Trauertag aber schwiegen wir, die wir ins Stadion gekommen waren, weil wir ihn, der aufgegeben hatte, beweinen wollten. Und auch wenn es merkwürdig anmutet, war die Wurst, die ich nahe der Waterloo-Station aß, eine Art letzter Abschiedsgruß.

[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Dirk Kirchberg und bestatter_rt, Snoopy erwähnt. Snoopy sagte: findet ihn sehr lesenswert ! RT @Kirchberg Meine Gedanken zur Trauerfeier für Robert Enke im @HAZ-Blog http://j.mp/1KFYIY #enke [...]