Scoopcamp 09: Digitale Geschichtenerzähler

Am 17. und 18. September fand in der sogenannten BallinStadt, heute ein Auswanderermuseum, in Hamburg-Veddel das erste Scoopcamp statt. Die dpa hatte zusammen mit Hamburg@work Journalisten, PRler und Webworker aus ganz Deutschland in die Hansestadt geladen, um sich über neue Möglichkeiten des Geschichtenerzählens auszutauschen.

Wolfgang Büchner, ehemaliger Chef von Spiegel Online und zukünftiger dpa-Chefredakteur, moderierte den Tag. Die in die Haare gesteckte Sonnenbrille verleitete Focus-Online-Chef Jochen Wegner zu folgendem Tweet inklusive Twitpic: “Permasonnenbrille”. Zu Büchners Ehrenrettung sei gesagt, dass sich die Sonne den ganzen Tag über von ihrer wärmsten Seite zeigte.

Vor, während und auch zwischen den Vorträgen und Workshops standen die Teilnehmer des Scoopcamps zusammen und unterhielten sich über neueste Entwicklungen im Web, aber auch darüber, wie sich die Arbeit des Journalisten durch den Einzug der mittlerweile nicht mehr so modernen und neuen Medien immer noch verändert.

Hatten Büchner und die dpa anfangs noch befürchtet, es würde kaum Interesse an einer solchen Konferenz geben, zeigte sich spätestens bei der Eröffnung, dass ihre Sorge unbegründet war. Mit mehr als 200 Teilnehmern war das Scoopcamp komplett ausgebucht.

Den Anfang machte Adrian Holovaty, der sein Projekt Everyblock.com vorstellte, ein Portal für eine Art von Nachbarschaftsjournalismus. Angefangen hatte Holovaty mit ChicagoCrime.org, einer Website, in die er zahlreiche Datenstreams zu Verbrechen in seiner Heimatstadt Chicago einfließen ließ. Holovaty, der Webentwickler und Journalist ist und bereits für Portale wie das der Washington Post gearbeitet hat, sieht unzählig viele Möglichkeiten für Onlinejournalismus. So gebe es unglaublich viele Daten, die es zu kanalisieren, bewerten und aufzubereiten es gelte. Angesprochen auf die Monetarisierung des Website durch Werbung, sagte Holovaty: “As we get local with the content, we get local with the ads.” Everyblock.com wurde übrigens jüngst von MSNBC gekauft. Holovaty hat weiterhin alle Freiheiten, man muss sich finanziell aber sicherlich keine Sorgen um ihn machen.
Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online, hielt danach einen Vortrag über die Möglichkeiten, Geschichten auf neue und unverbrauchte Weise zu erzählen, die sich durch die bereits vorhandenen Werkzeuge für Journalisten heute ergeben würden. “Es gibt genug Tools. Das größte Hindernis sind wir Journalisten”, sagte Blau. Seine Ausführungen und Überlegungen verleiteten mich zu folgendem Tweet: “Wäre es eigentlich okay, beim Vortrag von @wblau dauernd laut “JA!!!!” zu schreien?”

Meine Interviewanfrage lehnte Blau freundlich mit einem Verweis auf nur drei Stunden Schlaf ab. Beim nächsten Mal, Herr Blau, beim nächsten Mal…

Selbst beim Mittagessen – es gab unter anderem Labskaus,Spiegeleier und Bratkartoffeln – konnte die Onlineemeute nicht von ihren Computern lassen. Aber ich bin sicherlich der Letzte, der sich darüber wundern sollte. Nach der Pause standen die Workshops an. Ich entschied mich für den Twitter-Workshop mit HAZ-Kollege Marcus Schwarze und Web-2.0-Berater Sven Wiesner.

Was sollen ich sagen? Schwarze und Wiesner rockten gewaltig. Während sich Wiesner darauf konzentrierte, den Zuhörern in dem bestens gefüllten Raum zu erklären, welche Werkzeuge es gibt, um Twitter nach wichtigen Informationen und Personen zu durchforsten, erklärte Schwarze die Twitter-Strategie der HAZ. Schwarze hat seinen Scoopcamp-Bericht ebenso online wie Wiesner.
Zum Bildhintergrund möchte ich anmerken, dass Sven Wiesner sich selbst die Wand mit dem “No. 1″ ausgesucht hat.
Christoph Dernbach, Chefredakteur von dpa-infocom, erwähnte im Twitter-Workshop, dass die dpa Twitter in ihrem Newsroom integriert habe. Nach der Session bat ich ihn, mir das näher zu erläutern.

Wie bereits erwähnt, war auch Focus-Online-Chef Jochen Wegner ebenfalls physisch zugegen, hielt sich aber meist im Hintergrund auf. Kein Wunder, schließlich startete am Freitag das neue Portal nachrichten.de, für das Wegner neben Focus Online nun auch verantwortlich ist. Hier die Kress-Meldung zum Launch, hier ein kritischer Bericht bei SpOn. Eine eigene Meinung konnte ich mir noch nicht bilden, daher verlinke ich völlig wertungsfrei auf die SpOn-Besprechung.
Als ich Sevenload-Gründer Ibrahim Evsan, genannt Ibo, erblickte, konnte ich mir die Gelegenheit natürlich nicht entgehen lassen, ihn zur Zukunft von Webvideo in Deutschland zu befragen, hatte er sich vorher via Twitter doch recht kritisch zur stattfindenden Online-Diskussion geäußert: “Zukunftgequatsche über das Web langweilt. Auch Autos werden in Zukunft fliegen. Thema ist eher: Man muss heute Investieren. Das wars.”

Nach einem langen Tag und der abschließenden Diskussion machte ich mich mit einigen noch nicht ins Hotel Entschwundenen auf den Weg Richtung Sternenschanze.

Wir schlenderten durch das Viertel, das Anfang Juli zum alljährlichen Schanzenfest noch schwere Krawalle erlebt hatte. Ich empfand die Umgebung als sehr angenehm. Überall saßen Menschen in den Cafés und Bars und auf den Straßen und genossen die laue Spätsommernacht.

Wir landeten schließlich im Le Fonque, einer Bar, deren Namen auf ein Projekt von Brandford Marsalis zurückgehen dürfte und in der beste Funkmusik nicht aus der digitalen Konserve gespielt wurde, sondern sehr analog von Platte. Bestens, hier konnte der Weißabgleich im Kopf gelingen. Denn nach einem langen Tag voller journalistischer und webbiger Diskussionen war es nun Zeit, zu rocken!
Allerdings hinderte mich auch ein recht süffiger Cocktail nicht daran, zu vorgerückter Stunde die Medienjournalistin Ulrike Langer aka mauisurfer25 zu interviewen. Langer resümierte auf mein Bitten das Scoopcamp (<-Twitter-Suche). Und welch’ Überraschung: Natürlich kamen wir auch auf Onlinejournalismus in Deutschland zu sprechen.
Am Freitag dann stand der Hackathon auf dem Programm. Ich hatte eigens vorher angerufen und gefragt, ob ich denn als Coding-Unerfahrener und reiner Anwender trotzdem vorbeischauen dürfte. Ich durfte, und so machte ich mich zusammen mit Marcus Schwarze auf den Weg zu den Büros von mindmatters.

Nach der Vorstellungsrunde aller Teilnehmer machten sich die Coder daran, einen Tagesplan aufzustellen. Besonderes Interesse galt unter anderem der Google Wave.

Auch die Übernahme von Echtzeitfeeds in Karten fand viele Interessenten, die sich daran machen wollten, neue unbeschrittene Wege zu programmieren.

Dass der Echtzeitfeed-Workshop RTFM genannt wurde, sorgte für zahlreiche geekige Lacher. Ich war froh, mitlachen zu können.

Nach einer halbstündigen Diskussion im Google-Wave-Workshop, die sich darum drehte, ob die Welle eventuell das Redaktionssystem der Zukunft sein könnte, hielten es die Coder nicht mehr aus und wollten endlich hacken. Zeit für mich, neue Gesprächspartner zu suchen. So traf ich auf Marco Dettweiler von faz.net. Dettweiler, promovierter Philosoph – was etwas über seine Leidensfähigkeit und die Stärke seines Geduldsfadens aussagt
-, ist bei faz.net für die Themen Technik und Computer zuständig. Wir stellten fest, dass uns das Scoopcamp ein wenig zu theoretisch geblieben war.
Statt echter Beispiele, wie man heute multimedial Geschichten erzählen kann – hier seien als Beispiele Voices of Africa und MediaStorm erwähnt -, blieb das erste Scoopcamp viel zu theoretisch. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Wie Wolfgang Büchner in Aussicht stellte, wird es höchstwahrscheinlich auch 2010 ein Scoopcamp geben.
Denn die BallinStadt soll bleiben, was sie ist (ein Auswanderermuseum) und nicht wieder werden, was sie war – die letzte Station für Auswanderer, die in der alten Welt keine Chance auf eine gute Zukunft mehr sehen.


[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Dirk Kirchberg, Dirk Kirchberg und …. … sagte: RT @Kirchberg Mein #Scoopcamp-Bericht inkl. Videos und Fotos: http://bit.ly/3KZ7sk #sc09 [...]
Sehr schöner Bericht. Danke!
[...] Scoopcamp 09: Digitale Geschichtenerzähler [...]
Danke
sehr schöner Bericht. Als wär man da gewesen. Muß aber nur das von Dir professionell und spannend lesen. Guter Service.
Eine Frage habe ich noch. Was machen die Teilnehmer und Redner eigentlich…beruflich?
; )
[...] auch. Ach nee, den gibt’s schon: Adrian Holovaty mit EveryBlock.com, Ehrengast beim scoopcamp in Hamburg [...]